Warum jede Konzernleitung einen Killerfisch braucht

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In der heutigen Zeit, wo wir alle einem so raschen Wandel unterworfen sind; wo morgen nicht mehr gilt, woran wir heute noch geglaubt haben. Da ist der Untergang von Firmen zur Selbstverständlichkeit geworden. Dieser Untergang hat viele Namen: Buyout, Merger unter Gleichen, was immer eine Lüge war, Verkauf oder die Pleite, der Bankrott.

Die grösste Gefahr für ein Unternehmen ist nicht die Konkurrenz, ist nicht die Währung, sind nicht digitale Spione oder „disruptive events“, sondern der eigene Kollektivgeist in der obersten Führung, im Verwaltungsrat, der Konzernleitung oder der Geschäftsleitung eines KMU.

Eine der grössten Katastrophen in der Schweizer Wirtschaft war der Zusammenbruch der Swissair. Er war die Folge eines Kollektivgeistes im Verwaltungsrat, der sich selber als „die beste Business School der Welt“ (Bénédict Hentsch) bezeichnete, wo man sich aus Hochmut dem rechtzeitig geplanten Merger mit der damaligen Scandinavian Airlines (SAS) entzog und der Absturz nur noch eine Frage der Zeit war.

Was Manor an der Zürcher Bahnhofstrasse meinte, sich mit Meinungsmache den Forderungen der Swiss Life entziehen zu können, die den Auszug aus dem ihr gehörenden Gebäude verlangte, beruhte auf einem kollektiven Irrtum, der jetzt durch die Gerichte bereinigt wurde.

Ob der Verwaltungsrat und die Konzernleitung der Sika sich nach mehrjährigem und Millionen Franken kostendem Kampf gegen die Eigentümerfamilie Burkhard Erben durchsetzen kann, darf auch nicht als sicher gelten. Mindestens der CEO des Sika-Konzerns ist jetzt aus gutem Grund aus diesem Kollektiv geflüchtet.

Muss es immer Flucht sein? Oder ist es nicht zwingend, jedem Gremium, das eine hohe Verantwortung trägt, einen Killerfisch zuzuordnen, der alle Sinne beieinander hat?

Natürlich ist es unbequem, sich den Fragen dieser herausragenden Fachleute zu stellen, die zudem von der Vergütungskommission jederzeit reglementiert werden können. Heute, wo in den Verwaltungsräten und den Geschäftsleitungen ausserordentlich hohe Vergütungen entrichtet werden, will kaum noch jemand seine Haut riskieren, um der guten und richtigen Lösung zum Durchbruch zu verhelfen. Gerade in der Schweiz ist es seit Jahren üblich, sich vom „schwarzen Schaf“ zu trennen.

Das ist eine höchst gefährliche Entwicklung, nimmt die Inzucht in der Unternehmensführung doch laufend zu. Mühsam ist es gelungen, die Zahl der Mehrfach-VR-Mandate zu beschränken. Die Träger eines guten Namens waren immer weniger in der Lage, sich so intensiv einzubringen, wie es notwendig gewesen wäre. Jetzt, wo die Wirtschaftsentwicklung in der Schweiz, gemessen an der Deutschlands, schon seit Jahren rückläufig ist, braucht es Killerfische ganz oben, die das Schlimmste verhindern.

Für den Nestlé-Konzern wäre es fast zu spät gewesen. Dort kam es in der Ära Brabeck-Letmathe, auch im Verwaltungsrat, zu spektakulären personellen Fehlentscheiden. Der Konzern geriet ins Taumeln. Deshalb wurde mit dem Deutschen Ulf Mark Schneider, genau wie vor über 30 Jahren mit Helmut Maucher, ein Killerfisch von aussen geholt. Jetzt steigt der Nestlé-Kurs wieder. Wechsel ist angesagt.

Was vor gut vierzig Jahren in Zürich verlacht wurde, wo an der Universität „Everything goes“ gelehrt wurde, ist heute erkannte Realität. Man nennt diesen Vorgang moderner „out-of-the-box“-Denken, meint aber das Gleiche. Die Unternehmensleitung ist die „box“, wo normalerweise niemand Einblick hat. Ein Zürcher Grossbank-Präsident sagte einmal im kleinen Kreis: „Bei uns wissen ohnehin nur fünf Leute, was wirklich läuft.“ Es sieht nicht so aus, als habe sich daran viel geändert.

Wo amerikanische, deutsche, chinesische und indische Firmen sich in der Schweiz einkaufen, wo katarisches Geld immer tiefer in die Poren der Schweizer Wirtschaft eindringt, ist rasches Umdenken angesagt. Sogar die alte Bauer Kaba Holding hat sich unlängst in die Arme eines deutschen Konzerns geworfen. Der Killerfisch war im eigenen Haus zuvor nie gefragt.

Was für viele Unternehmen der Schweizer Wirtschaft zutrifft, ist in den Bundesbehörden, die immer mehr an Macht gewinnen, noch ausgeprägter. Bundesrat Ueli Maurer erklärte bei seinem Amtsantritt im VBS: „Ich will die beste Armee der Welt.“ Hinter solchem Bluff versteckt sich meist der blanke Unwille, wirklich etwas zu ändern. Auch von der Parmelin-Armee dürfen wir keine Wunder erwarten, denn die sündhaft teuren neuen Flugzeuge werden alle Finanzmittel absorbieren, die man auf dem Boden bräuchte.

Ein gutes Beispiel, wo Killerfische an der Spitze seit Jahrzehnten verdrängt werden, ist die SRG, die Schweizer Radio- und TV-Gesellschaft. Während die Programme immer schlechter werden, sind die Ansprüche ins Masslose gewachsen. Ein Jean-Michel Cina als neuer SRG-Präsident ist die Garantie dafür, dass sich in Bern nichts ändern wird, denn nur aus diesem Grund liess Doris Leuthard ihn, den Parteifreund, ins Amt wählen.

Die Schweiz ist alt geworden, weil wir kollektives Denken gefördert und die diskursive Entwicklung vernachlässigt haben. Deshalb ist der Ruf nach dem Neuen, sei es digital, eruptiv oder disruptiv, so laut geworden.

Viele Firmen sitzen auf dem Trümmerhaufen ihrer Geschichte, und noch mehr Firmen werden ihnen folgen. Meine Erfahrung ist es, dass jung, stürmisch und erfolgreich in den Märkten nur bleibt, wer sich dem Test der „dummen“ Fragen stellt. Natürlich müssen sie von intelligenten Menschen gestellt werden.

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